[Fiction] Cinderellas End

Februar 8th, 2010

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Kapitel Eins

Wohin wir nun zu gehen vermögen, ist uns nicht klar, doch die Jagd wird nicht enden, solange nicht ans Licht kommt, was lieber für immer und ewig im verborgenen bliebe.
Warum es genau uns traf, sollte nicht weiter verwunderlich sein, denn dem gemeinen Menschen mögen wir befremdlich, anders und wohl auch sehr sonderlich erscheinen. Gehüllt in schwarz, das Licht scheuend und bleich wandeln wir suchend umher. Des nachts lauschen wir dem heulenden Wind, ziehen mit dem kalten Regen und lassen uns vom fahlen Mond auch in jene entlegene, einsame Gegenden führen, wie wir sie nun zu gern schnellstens verlassen würden.
Fanden wir zuweilen alte und verlassene Farmhäuser, um dort unser unser Lager aufzuschlagen, kann uns nun nur doch das dichte, undurchdringliche Dunkel der Wälder zum Schutz dienen, vor jenen, die uns mit Fackeln, Mistgabeln und diversem Geschütz suchen und unser schnelles und baldiges Ende herbeisehnen.
Nun jedoch herrscht eine beruhigende Stille, denn wir haben sie vorerst weit hinter uns gelassen, uns gerettet in dieses Labyrinth, in welches nicht einmal der fahle Mond vorzudringen vermag. Doch diese Stille trügt, denn ich weiß nur zu genau, dass wir nicht allein sind. Wir mögen ein beängstigendes Gefühl in den Menschen hervorrufen, doch die wahre Schwärze und Kälte geht nicht von uns aus. Sie lauert nun hier, wartend und darauf hoffend und fallen zu sehen. Die Menschen sind von einer zu einfachen Natur, als dass ihnen das Ausmaß der Schrecklichkeit und Widernatürlichkeit schlimmster Art hätte bewusst werden können.
Sie haben sich geirrt. Und selbst wenn sie uns aufspüren, unser Dasein beenden und meinen Frieden gefunden zu haben, so wird jener niemals einkehren.
Unsere leisen Begleiter würden sich eine Zeit lang im Verborgenen halten, warten bis vergessen ist, was geschah und dann in all ihrer Abscheulichkeit zurückkehren. Zurückkehren und diesen einfachen Menschen beweisen, dass die Angst und der Schrecken nicht zu besiegen sind, in dem man im übereifrigen Affekt, die erstbesten dahergelaufenen hinmetzelt, die sich in ihrer Art, ihrer Weise und ihrem allgemeinen Leben nicht der breiten, dummen Masse fügen.

Kapitel Zwei

Unsere Reise begann vor langer Zeit, als uns eine Ruhelosigkeit befiel, die sich nicht abschütteln ließ und so treibend war, dass es uns in die Lande hinauszog.
Unser Studium dunkler Schriften über die Geheimnisse der Menschen, der Welt und jenem Übernatürlichen und Mystischen, das sie umgibt, befriedigte nicht länger unseren anschwellenden Wissensdurst und so machten wir uns daran zu sehen, was wir über die Jahre nur den Büchern zu entnehmen vermochten.
Es stellte sich heraus, dass die Welt mit der Preisgabe ihrer Rätsel doch sehr sparsam umgeht und auch die Bürger, die wir befragten und von denen wir uns so manchen geheimen Tipp erhofften, schlugen uns nicht selten die Tür vor der Nase zu. Die Kunde unserer Existenz machte allmählich die Runde und wir gelangen nach und nach zu einer zweifelhaften Berühmtheit, die uns eher im Weg stand, als uns die Tore längst begrabenen Wissens zu eröffnen.
Man schrie uns Kultisten, Beschwörer dunkler Mächte oder gar Monster selbst, doch keiner wagte es je uns zu Leibe zu rücken, oder in gewaltsamer Absicht gegen uns vorzugehen. Ein gewisser Respekt und sicherlich auch die Angst, wir könnten sie womöglich mit absonderlichen Flüchen belegen, hielt viele Dorfbewohner von derartigen Schritten ab.
Gegen Ende des Jahres – es muss um den September gewesen sein- erreichten wir das Dorf nördlich der Hügel, gelegen in einem friedlich grünen Tal, eingesäumt von Laubwäldern, deren Blätter sich bereits golden verfärbten und dem ganzen einen beruhigenden Hauch verliehen, der den Betrachter in ein sanftes Gefühl von Melancholie verfallen ließ. Dank dieser Wälder und den widrigen Beschaffenheiten der Verkehrswege, war ein Handel zwischen diesem und den umliegenden Dörfen kaum ausgeprägt. Dies sollte uns nur zu Gunsten sein, denn man erkannte zwar die Skepsis über unsere Erscheinung in den Augen der Bürger, doch schien uns unser Ruf noch nicht bis hier hin gefolgt zu sein. Wir fanden alsbald Unterschlupf in einem heruntergekommenen, verwitterten Gasthaus, dessen Dielen erschöpft knarrten, dessen Fensterläden im Wind eine wehleidige Musik einstimmten und dessen Bewohner verstaubt und müde aussahen, wie die gesamte Erscheinung dieses Hauses und seiner Einrichtung. Aber man hatte keine Fragen gestellt, keine bedenkenerregenden Blicke ausgetauscht und uns erfreulicherweise auch einen guten, akzeptablen Preis gemacht. Wir folgten den alten Stufen einer Wendeltreppe ins obere Geschoss, wo wir uns ein Zimmer mit karger Einrichtung teilten. Die Architektur des Raumes erschien falsch und widrig. Ob diese Wahrnehmung an unseren durch die Müdigkeit verklärten Sinnen lag, oder ob sich das Haus im Laufe seiner scheinbar Jahrhunderte alten Lebenszeit verzogen hatte, konnten wir nicht einschätzen. Ein zottiges, rattenartiges Tier kreuzte unseren Weg und verschwand in einem Loch in der Wand und ein bedrückender Schauer eines noch undefinierbaren Gefühls durchzog unsere Körper.
Das Zimmer hatte große Fenster zu Landschaft hinaus und in früheren Zeiten musste es wohl hohen Persönlichkeiten vorbehalten gewesen sein. Nun waren die Fenster getrübt vom Staub vieler Jahre und vernebelten die Sicht auf die verregneten Wiesen und Felder, die sich zu dieser Seite des hauses erstreckten. Mir wurde klar, dass wir angekommen waren. An einem Ort, der hoffentlich fähig war uns Antworten auf die jahrelang gesammelten Fragen geben zu können, unseren Durst nach Wissen zu stillen und den Eifer zu befriedigen.

Der nächste Morgen überkam uns laut und heftig. Aus unseren wirren Träumen gerissen, versuchten wir die Geräusche und die Aufregung einzuordnen, die wir von der Straße her vernahmen. Im Untergeschoss angekommen, klärte man uns auf der Hochadel hätte sich dazu herabgelassen, in die Stadt hinab zu fahren. Man munkelte ausgelassen, denn die junge Dame und ihr Gemahl verließen ihre Residenz nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Es waren Gerüchte aufgekommen, denen zufolge die junge Dame von nächtlichen Schrecknissen gepeinigt, sich nicht mehr in der Lage fühle, das ihr sichere Heim zu verlassen. Trotz unseres beharrlichen Drängens war nicht mehr in Erfahrung zu bringen, als dass sie des nachts Schatten menschenähnlicher Form vor ihrem Fenster vernahm und sich des Gefühls nicht entledigen konnte, beobachtet zu werden.
Dies schien unsere lang ersehnte Chance zu sein, zu sehen, was dem Menschen lieber verborgen bleiben sollte. In der hiesigen Ansammlung von Menschen, welche die Kutsche verfolgte, fielen wir zuweilen kaum auf. Man war zu sehr Bedacht darauf einen Blick auf die verängstige Schöne zu werfen und als die Kutsche vor dem Haus, des ansätzigen Arztes hielt, war auch uns jener vergönnt. Zweifels ohne war sie schön gewesen, doch nun wirke sie fahl und eingefallen. Beraubt jeglichen Lebens und jeglichem Willen dazu. Einzig allein ihre Schuhe glänzten, trotz dessen, dass keine Sonne am Himmel stand. Sie schienen aus Glas zu sein und verliehen der Erscheinung ihrer Trägerin einen verwunderlichen Eindruck. Kaum hatte sich jener Eindruck in unser Gedächtnis gebrannt, war sie auch schon im Haus verschwunden. Wie ein Schatten der vom Licht verschluckt wird.
Wir wussten was zu tun war.

Kapitel Drei

Da ein Warten vor dem Haus unwillkürlich dazu geführt hätte, dass man uns mit einer steigenden Skepsis betrachtet hätte, machten wir uns daran in unseren Verschlag zurückzukehren und von dort still ausharrend darauf zu warten, die Kutsche auf der Straße zu vernehmen. Zumindest der Schätzung zufolge, müssten wir das Rattern der Holzräder auf der unebenen Straße hören können.
Da den Bürgern der Stadt die Nacht unheimlich war, erhofften wir, dass keiner von ihnen auch der Idee erlag der Kutsche der jungen Dame zu folgen. Um ein alarmierendes Knarren der Dielen des Hauses zu vermeiden, seilten wir uns, nach dem Vernehmen der nahenden Kutsche, aus dem Fenster zur Landschaftsseite ab. Uns wurde schmerzlich bewusst, dass, wenn sie uns Entdeckten zweifelsohne erdrückende Fragen gestellt werden würden und unser gesamtes Vorhaben wohl zum scheitern verdammt war. Doch die langen Schatten der Häuser, die alles verschluckende Dunkelheit der engen Seitengassen und die Art uns in schwarze Bekleidung zu hüllen, sicherte unser Vorhaben so folgen wir ebenfalls wie zwei Schatten der Kutsche. Hinein in die Nacht.
Der Weg folgte hinaus aus der Stadt, einen steinigen und schmaler werdenden Pfad entlang zu einem am Waldrand gelegenen Anwesen von subtiler einfacher Bauweise, welches wir trotz seiner Größe beim Eintreffen in der Stadt nicht wahrgenommen hatten.
Wir hielten uns versteckt und warteten darauf, dass sie Kusche das hohe eiserne Tor passierte und hinter den massiven Mauern verschwand. Durch eine gewisse Sicherheit bestärkt, näherten wir uns der steinernen Ummauerung, bis uns ein plötzlicher Lichtschein zurückschrecken ließ.
Doch jener Schreck wurde zerstreut, als uns auffiel, dass in einem der oberen Geschosse Licht entzündet worden war, welches in mattem Schein auf uns herab fiel. Wir zogen uns eilig in den Schatten zurück, während unser Blick weiterhin auf das erleuchtete Fenster gerichtet war, in welchem nun die ausgezehrte Silhouette der jungen Dame auftauchte. Regungslos und in einer von Angst verkrampfen Haltung starrte sie in die Nacht, bis sie sich abrupt vom Fenster wegriss, die Läden schloss und sich abwandte. Sie blickte kein weiteres mal heraus und nach einer Weile verlosch auch das Licht.
Wie sollten wir unsere Pläne nun weiterführen? Die Mauer oder gar das Tor zu erklimmen, barg ein großes Risiko, aber eine weitere Möglichkeit kam uns nicht in den Sinn. Während mich diese Überlegungen beschäftigen, wurde ich nicht der kleinen aufflammenden Lichter gewahr, die sich nun jeweils links und rechts des dunklen Fensters zeigten.
Meine Augen hatten sich durch das erst kürzlich erloschene Licht noch nicht gänzlich an die nun wieder vorherrschende Dunkelheit gewöhnt, doch als sich die ersten Schemen abzuzeichnen begannen, wurde uns klar, dass all die Forschung nun Früchte tragen würde.
Nur der Preis würde eindeutig zu hoch ausfallen.

Kapitel 4

Warum sie das Fenster noch einmal öffnete wird wohl niemand jemals beantworten können, denn der Schrei den ich ausstieß, als mein Verstand endgültig verarbeitete was ich da sah, muss sie geweckt oder aufgeschreckt haben, aber wen hätte er jemals dazu bewegen können, sich diesem Wahnsinn zu stellen?
Sie musste wissen was auf sie wartete. Ein Entrinnen würde es nicht geben, denn Rache und Hass sterben nicht. Sie glimmen weiter bis sie eines Tages ihre modrigen Krallen ausstrecken können, nach dem wonach sie solange strebten.

Alsbald erstrahlten in fast jedem der Zimmer die Lichter. Die gesamte Belegschaft des Hauses musste erwacht sein und stürmte sicherlich ins Zimmer der jungen Dame. Doch es würde zu spät sein, denn jene blasphemische Widernatürlichkeiten, die uns mit ihren boshaften kleinen Augen, den ersten Wahnsinn der Übernatürlichkeit lehrten, krochen mit behender Schnelligkeit und der tötlichen Präzision einer angreifenden Schlange ins geöffnete Zimmer dieser armen Kreatur und der zweite Schrei, der diese unsägliche Nacht durchriss sollte ihrer sein. Mit Sicherheit aber nicht der letzte.

Wir liefen. Ohne Sinn und Verstand einfach in die Nacht hinein. Was wir eifrig und lange gesucht hatten, haben wir nun endlich gefunden.
Wir erreichten unsere heruntergekommene Bleibe, verzichteten darauf die Hauswand zu unserem Fenster in aller Mühe zu erklimmen, denn in jener Verfassung wäre es uns wohl nicht gelungen. Die morschen Dielen knarrten. Jedoch nicht hier, sondern an einem weit entfernten Ort, den unser Verstand bereits verlassen hatte.
Nachdem wir die Tür vorsorglich verschlossen hatten, harrten wir eine Weile aus. Langsam kehrte die beruhigende Stille zurück, die uns sanft umschloss. Die grässliche Fratze mit den leuchteten Augen am Fenster bescherte ihr jedoch erneut ein jähes Ende.

Kapitel Fünf

Wir sind der Stille über. Sie ist bedrückend und von beängstigender Durchdringlichkeit, denn kein Tier vermag auch nur das kleinste Geräusch von sich geben, wenn sie bei uns sind. Und wenn die Nacht hereinbricht, können wir uns ihrer Anwesenheit immer gewiss sein.
Wohl haben wir bemerkt, dass es ihnen fern liegt uns das gleiche Schicksal teilen zu lassen, wie das der jungen Dame. Doch erfüllt es sie mit einer sadistischen Freude Spuren zu legen und die Bürger auf uns aufmerksam zu machen. Man hält uns nun nicht mehr für sonderliche Gestalten, die sich in Dinge einmischen, die er menschliche Verstand nicht fassen kann. Man hält uns für Boten des Todes, die von Stadt zu Stadt ziehen und das Verderben über die Menschen bringen. Unsere Schatten folgen uns stets. Wohin wir auch ziehen, spüren wir ihre widerwärtige Anwesenheit, wie eine Strafe für unseren Frevel. Sie gleichen degenerierten Menschen, kriechen jedoch wie ekelerregendes Gewürm auf dem Boden. Einem fehlen die Fersen, dem anderen die Zehen….

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